RUB, Zwischen Rhein und Schelde — Medienrevolution Buchdruck (Blockveranstaltung) (050243-SS 2025)
Zwischen Atlanten, Chronogrammen und Bibliothekskäfern
Eine wissenschaftlich-literarische Reportage zwischen Köln und Antwerpen
Die folgenden Ausführungen verbinden persönliche Eindrücke einer Reise nach Köln und Antwerpen mit einer historischen Analyse zweier bedeutender Atlanten der Frühen Neuzeit. Im Mittelpunkt stehen das Theatrum Orbis Terrarum (1570) und das Civitates Orbis Terrarum (1572/74), ihre Ornamentik, Symbolik und ihre Funktion im zeitgenössischen Wissenskontext. Zugleich werden Beobachtungen aus Bibliotheken, Museen und Kirchen als lebendige Kontexte für diese Drucke herangezogen.
Köln, 28. Juli – Bücher als gefährdete Schätze
In der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln bekamen wir die Gelegenheit, das monumentale Werk „Civitates Orbis Terrarum“ (ab 1572/74) von Georg Braun und Franz Hogenberg zu sehen. Der Band war in erstaunlich gutem Zustand – Pergament, Einband, Druckbild: alles schien die Jahrhunderte überdauert zu haben.

Doch die Bibliothekarin erinnerten uns daran, dass selbst die schönsten Drucke ständig bedroht sind: Holzwurm (Trogoxylon), Bücherlaus (Psocoptera), daneben Schimmel und falsches Raumklima gehören zu den schlimmsten Feinden alter Bestände.

Diese Information war für mich fast schockierender als die prachtvollen Karten selbst: Dass die Weltgeschichte im Regal nicht von der Zeit, sondern von winzigen Insekten zernagt wird.

Wir sprachen auch über die Vielfalt von Einbänden und Pergamentarten. Dabei wurde mir klar: Bücher sind nicht nur Träger von Texten, sondern auch materielle Organismen, verletzlich wie Menschen – mit Haut (Pergament), Knochen (Buchblock) und sogar Feinden.

Bibliotheken sind die sichersten Häfen auf jeder Reise durch die Zeit.
Am Nachmittag schlenderten wir durch Köln. Auf Friedhöfen und Kirchen entdeckte ich christliche Symbole:
  • Fisch als Zeichen des Glaubens (auf Weihwasserbecken, Grabplatten),
  • Memento-mori-Darstellungen: ein Skelett mit Papstkrone, Kreuz, Schlüsseln und Sanduhr, flankiert von Lorbeer, Kinderfigur und Grabes-Symbolen.
  • Auf einem Grabstein erschien sogar ein Freimaurersymbol – das Dreieck mit Auge und Strahlen.
Es war, als würden sich die Zeichen der Bücher – Ornamente, Embleme, Allegorien – in die Stadtlandschaft selbst fortsetzen.

Antwerpen-Centraal
Antwerpen, 30. Juli – 1. August: Zwischen Bibliothek und Druckerpresse
30. Juli — Ankunft
Nach der Hinfahrt und dem Check-in erkundeten wir Antwerpen zu Fuß. An Kirchenportalen begegneten mir Chronogramme – lateinische Inschriften, die zugleich Zahlenspiele sind.
Eines lautete:
chrIsto Deo VIrgInI DeI pArae beAto IgnatIo LoIoLae soCIetatIs aVihorI senat Vs popVLVs qVe antVerpIensIs pVbLICo et prIVato aere ponere VoLVIt
→ Aus den hervorgehobenen Großbuchstaben (römische Zahlzeichen) lässt sich eine Jahreszahl berechnen. Solche Inschriften sind barocke Zeitmarken, die Text, Zahl und Architektur vereinen.

Weitere Chronogramme wie sanCtI CaroLI prIstInVs DeGor re DDItVs oder sanCte CaroLe borroMaeetIbI fIDeLesführten denselben Gedanken fort: Religion, Zeit und Zahl als Einheit.
31. Juli – Bibliothek & Plantin-Moretus-Museum
Am Vormittag besuchten wir die Kulturerbe-Bibliothek Hendrik Conscience. In einem repräsentativen Saal wurden uns ausgewählte Drucke gezeigt. Überraschend: Im Korridor vor dem Lesesaal stand ein Büstchen von Alexander Puschkin. Die Bibliothek selbst arbeitet seit Jahren daran, ihren immensen Bestand zu katalogisieren; genaue Zahlen konnten uns die Mitarbeiter nicht nennen, so groß ist die Sammlung.

Am Nachmittag folgte das Plantin-Moretus-Museum. Ich war tief beeindruckt von der Manufaktur des Wissens:
  • Dutzende Druckpressen,
  • eigene Werkstätten für den Guss von Lettern,
  • zahllose Setzkästen.
Allgegenwärtig war die Heraldik der Familie Plantin-Moretus: das Symbol des Zirkels mit der Devise Labore et Constantia. Wie ein frühneuzeitliches „Corporate Design“ zog es sich durch Räume, Bücher, Embleme.
1. August — „Show and tell“ in der Bibliothek des Museums
Noch einmal Bücher zum Anfassen, Anschauen, Diskutieren. Ein leiser, würdiger Abschluss vor der Heimfahrt.
Vergleich der Atlanten: Theatrum Orbis Terrarum (1570) & Civitates Orbis Terrarum (1572/74)
Ortelius: Theatrum Orbis Terrarum (Antwerpen, 1570) gilt als erster moderner Weltatlas, 53 Karten, vereinheitlicht im Maßstab und Druck
Zielgruppe: Gelehrte, Händler, Reisende
Stil: nüchtern, kartographisch, mit wenigen Ornamenten
Kontext: Antwerpen als Handelsmetropole –
Bedarf nach globaler Orientierung.
Braun/Hogenberg: Civitates Orbis Terrarum (Köln, ab 1572/74)
Ergänzung zum Theatrum: nicht die Welt als Ganzes, sondern Städte als Brennpunkte von Macht und Kultur, über 500 Stadtansichten, perspektivisch oder vogelperspektivisch, reich mit Ornamentik, Staffagefiguren, Allegorien versehen,
Zielgruppe: städtische Eliten, Reisende, Diplomaten
Vergleich & Deutung
Theatrum steht für Universalität und Rationalisierung: die Welt als geordnetes Ganzes.

Civitates steht für Lokalkultur und Repräsentation: die Stadt als Bühne des Lebens.
Zusammen bilden sie eine Wissensdoppelstrategie des 16. Jahrhunderts: Welt = Karte und Bühne.

Ornamentik: Während Ortelius reduziert, betont Hogenberg figürliche Rahmungen, Embleme, Wappen – hier zeigt sich das Bedürfnis, Geschichte, Religion und Identität sichtbar einzuschreiben.
Fazit
Die Reise nach Köln und Antwerpen hat mir gezeigt: Bücher sind nicht nur Wissensspeicher, sondern lebendige Objekte– bedroht von Holzwurm und Bücherlaus, zugleich Träger von Symbolen und kultureller Macht.
Die Atlanten von Ortelius und Braun/Hogenberg sind zwei Antworten derselben Zeit: sachliche Globalität und ornamentale Lokalität. Dazwischen bewegen wir uns als heutige Leser:innen – staunend in Bibliotheken, inspiriert in Museen, begleitet von Symbolen auf Friedhöfen und Kirchenmauern.

Und manchmal – ganz unerwartet – von einem russischen Dichter im Korridor einer Antwerpener Bibliothek.
Iuliia Ershova: y.a.ershova@gmail.com
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